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Illustration Annelie Lamers

Keine Hektik, ist nur ein Notfall – Kurzgeschichten über die Jobs der Zukunft

Redaktion

„Leute, macht mal etwas hin, ich muss vor dem Feierabend auch noch zwei Lebern einpflanzen. Also legt mir jetzt das verdammte Herz auf den Tisch oder lasst es bleiben. Ich muss los!“ Martin stand ungeduldig im völlig weißen Organraum und starrte die Luke in der Wand an. Alle zwei Sekunden blinkte ein rotes Licht auf.

Rot. Rot. Rot.

Es musste Grün werden, damit er endlich dieses Herz bekäme. Rot. Das Herz war für einen Notfalleinsatz. Vor der gentechnischen Revolution hätte das bedeutet, dass mit Blaulicht über die Straßen gejagt würde. Heute war das nicht mehr nötig. Sie wussten schließlich, wie lange ein Herz durchhält. Wenn es schlapp macht, wird im Labor ein neues gezüchtet und schon geht es auf die Reise. Unangenehm war der Eingriff auch nicht mehr, seitdem der Impfstoff gegen körperliche Schmerzen zugelassen worden war.

 

Grün.

 

Lautlos öffnete sich die Luke. In einer weißen Schale lag das Herz. Eine faustgroße Masse, die an gelben Pudding erinnerte. Und schon einen Moment später fing es an zu schreien. Genau wegen diesem Lärm transportierte Martin so ungern Herzen, weil das Geschrei an weinende Kinder an der Supermarktkasse erinnerte. Die Schale baute sich zu einem Karton zusammen, der zum Glück auch den Lärm in sich einschloss. Martin verstaute das Herz im Rucksack. Es konnte losgehen.

 

Er trug die weiße Uniform, auf der in Höhe des Herzens ein Herzsymbol aufgenäht war. Sie war ihm peinlich, aber er musste sie tragen. Irgendwelche weltfremden PR-Typen fanden, dass das Unternehmen dadurch sympathischer wirkte. Am Straßenrand stand seine Drohne, die in etwa die Größe eines gewöhnlichen Autos hatte. Er setzte sich hinein und las die Koordinaten vor. Zuerst musste das Herz ausgeliefert werden. Notfall hat Vorrang. Mit einem leisen Summen hob die Drohne ab. Er hätte auch über die Straße fahren können, aber fliegen machte mehr Spaß.

„Hey!!!“

Er zuckte zusammen. Jonas hatte ihn angedacht.

„Schrei mir doch nicht so in den Kopf! Ich bin beschäftigt.“

„Dann mach halt deinen Brainchip aus, wenn du keine Zeit hast!“, kam es unbeeindruckt zurück, „Was machst du grad?“

„Notfall, Herz.“ Martin gähnte, während er seine Antwort über Gedanken an Jonas übertrug.

„Cool!“

Martin fragte sich, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, sich einen Brainchip ins Gehirn pflanzen zu lassen. Es war zwar bequemer als über Tastatur zu chatten, aber irgendwie auch nervig, dass einen jeder Freund einfach so andenken konnte, wenn man im System war. Er überlegte, ihn demnächst wieder entfernen zu lassen. Andererseits hatte er einen Zweijahresvertrag dafür abgeschlossen, warum so viel Geld verschwenden? Unter ihm rauschten die Häuser und Türme der Stadt vorbei. Der Fluss. Ein kleiner Park. Die Drohne landete auf einem Dach. Er stieg aus. Der Pieper am Handgelenk errechnet einen letzten Weg von dreiundsechzig bis neunundsechzig Schritten. Er öffnete eine Eisentüre, die ins Treppenhaus führte.

 

Als er im vierten Stockwerk an der Wohnungstür klopfte, öffnete eine ältere Frau mit grauen Haaren und freundlichen Gesichtszügen. Sie sah erschöpft aus.

„Sind Sie der Custom Organ Implant Designer?“

„Genau. Ist er im Schlafzimmer?“

Sie nickte. Martin trat ein, ging ins Schlafzimmer und stellte sich neben das Bett. An der Wand das Gemälde eines Bergpanoramas. Außerdem ein Kreuz. Ein dürrer Mann lag auf der Matratze und atmete schwer. Die Augen geschlossen.

„Schläft er schon lange?“

Wieder nickte die Frau. Martin stellte den Rucksack ab und legte die Box mit dem Herzen auf den Nachttisch.

„Sie müssen sich das nicht ansehen“, erklärte er, streifte sich die Handschuhe über und legte ein Tuch unter den Rücken des Kranken.

Die Frau blieb.

Er zog dem Kranken das Hemd aus und griff sich ein Skalpell. Er setzte am Brustkorb an.

„Es wird ihm nicht weh tun, so wie ihm auch bislang nichts weh tat“, bereitete er die Frau vor, „aber es wird auch nicht schön aussehen.“

Nachdem er einen tiefen Schnitt gesetzt hatte, griff er mit den Händen in die Wunde und drückte die Rippen so fest auseinander, bis die Knochen endlich nachgaben und dahinter das Herz zum Vorschein kam. Es glimmte nur noch schwach.

Man konnte beobachten, wie die bewegliche Masse den Raum ausfüllte und sich dabei um die Venen und die Aorta legte. Sofort fing es mit Pumpbewegungen an. Schon nach wenigen Momente hatte sich die eine Hälfte des Organs mit Blut gefüllt, das sofort über die Venen weitergepumpt wurde, um schließlich in die andere Hälft des Organs zu strömen. Endlich hörte das Herz auf zu Schreien und trieb stattdessen den Blutkreislauf an. Martin schaute noch eine Zeit lang zu, ob alles in Ordnung war. Das alte Organ verstaute er in der jetzt freien Box.

„Sieht aus wie Wackelpudding!“, meinte die Frau, „warum hat es geschrien?“

„Das Organgel der neusten Generation wurde so gezüchtet, dass es Alarm schlägt, wenn es zu verhungern droht. Wenn es zu wenig Blut erhält, schreit es sofort los.“

„Hört das dann jeder? Ich meine, wir haben oft Gäste.“

„Nein. Solange das Organ im Körper ist, wird es nur der Besitzer merken. Über Wellenbewegungen erreicht das die Knochen.“

Martin griff sich eine fast leere rote Tube aus dem Rucksack. Er drückte Salbe heraus, schob den beschädigten Brustkorb etwas umständlich mit Ellbogen und freier Hand zusammen und strich die Salbe darüber. In kurzer Zeit verheilten angebrochene Knochen und aufgeschnittene Haut, als sei nie etwas gewesen. Schließlich wischte er noch das Blut vom Körper, das nicht schon vom Tuch verschluckt worden war. Er packte alles wieder in den Rucksack, schaute auf die Uhr und erklärte, „Jetzt heißt es warten.“

Er setzte sich ins Wohnzimmer und konnte den ruhiger werdenden Atem des Kunden hören.

„Wir haben gleich ein Problem“, verkündete die Frau, während sie Tee einschenkte. „Mein Mann ist sehr gegen die Genforschung. Wäre es möglich, ihm nicht zu verraten, dass er ein Organ aus Gel hat?“

„Er hatte doch auch bisher schon eines.“

„Das weiß er nicht. Die Ärzte im Krankenhaus hatten so getan, als ob sie ihm ein richtiges Herz einsetzen. Sie haben es ihm sogar gezeigt, es war vom Schwein. Als er dann in der Narkose war, nahmen sie das Organgel.“

„Ich verstehe“, murmelte Martin anerkennend. Viel Aufwand, um einen Reaktionär zu täuschen.

„Wissen Sie was“, die alte Frau dachte kurz nach, „am besten gehen Sie sofort. Er soll sich gar nicht erst aufregen.“

„Es tut mir leid, ich muss mit ihm gesprochen haben. Gesetzlich vorgeschrieben.“

Sie nickte und fügte sich. Er trank einen Schluck.

„Was ich nie verstanden habe“, begann sie nach einer kurzen Pause, die Martin genutzt hatte, um sich über Brainchip wieder mit Jonas auszutauschen, der gerade im Stau schwebte.

„Wie funktioniert das überhaupt mit dem Organgel?“

Martin schaute auf die Innenseite seiner Hand, wo die Körperdaten des Patienten in einem Hologramm aufblinkten. Sie hatten noch Zeit. Der Mann war wirklich sehr geschwächt gewesen. Warum also nicht die Neugierde einer alten Frau auf die junge Technologie stillen?

Er dachte Jonas an, ob etwas dagegen spräche.

„Wenn ihr euch sonst nicht näher kommt, die Frau ist verheiratet!“, dachte der zurück und Martin musste lachen, was seine Gastgeberin leicht irritierte.

Martin griff sich eine Box aus dem Rucksack. Eine Leber. Er legte sie auf den Tisch. Eine wabernde Masse, grünlich schimmernd. Er kam sich wie ein Dozent vor. „Wir haben durch die genetische Revolution die Möglichkeit bekommen, die Evolution zu perfektionieren. Entscheidend dafür war es, dass wir lernten, wie man die DNA-Stränge verschiedener Lebewesen miteinander kombinieren kann.“ Er räusperte sich. „Dieses Lebergel hier zum Beispiel besteht im Wesentlichen aus der Leber eines Blauwals. Kein anderes Säugetier hat eine so starke Leber. Um sie noch widerstandfähiger zu machen, wurden ihr unter anderem noch DNA-Stränge vom Nacktmul gespritzt, dessen Leber praktisch immun ist gegen Alkohol. Und wenn Sie sich die Packungsbeilage durchlesen, werden Sie sehen, dass da auch noch DNA-Ketten anderer Tiere und Pflanzen enthalten sind. All diesen Organen wird ein Enzym gespitzt, durch das die Zellwände einstürzen. So verlieren die Organe ihre starre Form und werden zu Gelorganen oder Wackelpuddingorganen, wie Sie es vorhin nannten. So sind sie besser zu transportieren und leichter in den Körper einbaubar.“

Illustration univativ Annelie Lamers

univativ Annelie Lamers

Die Frau griff sich die Box. Eine lange Liste von Tier- und Pflanzennamen. Sogar drei Basenpaare von Stabheuschrecken und eine vom Löwenzahn fanden sich darauf.

Jonas dachte sich dazwischen, „hey, lasst die Klamotten an!“

Martin wollte ihn überhören, musste dann aber doch lachen. Die Alte lächelte gequält.

„Noch etwas Tee?“

„Gerne.“

„Toll finde ich ja vor allem diese Salbe“ Jonas hielt die rote Tube hoch. „Durch den Beschuss mit Nanopartikeln ist sie so manipuliert, dass sie im Zeitraffertempo beschädigte Zellen ersetzt. Auf diese Weise sind sogar Knochenbrüche in Sekunden heilbar.“ Martin lachte über einen Witz von Jonas in seinem Kopf. Nun schaute ihn die Frau fast etwas verärgert an. Er unterbrach das Denken mit seinem Freund und entschuldigte sich.

Sein Handschuh vibrierte leicht.

„Ihr Mann wacht auf.“

„Ohje“, seufzte sie.

Sie hörten Geräusche im Nebenzimmer. Stöhnend erhob sich jemand.

„Renate!“, rief er und musste gegen etwas gestoßen sein, was mit einem scheppernden Geräusch umkippte. „Ich fühle mich schon besser. Ich habe doch gesagt, dass ich keinen Arzt brauche.“

Die Türe öffnete sich. Er betrat das Wohnzimmer mit zufriedenem Gesichtausdruck, der sich jedoch sofort wieder verfinsterte:

Er sah Martin. Er sah seine Frau. Er sah den Tee.

„Was macht dieser Halsabschneider hier? Raus aus meinem Haus! Wir kaufen nichts bei euch Verbrechern! Hast du dir was aufschwatzen lassen?“

Er schaute seine Frau empört an.

Sie schüttelte den Kopf.

„Soll ich wirklich gehen? Dann gehe ich, kein Problem“, beruhigte Martin und hob beschwichtigend die Arme.

„Raus!“

„Ich wünsche noch einen schönen Tag.“

Das war ein Gespräch! Das Gesetzt sah nicht vor, dass es ein freundlicher Smalltalk sein musste. Es musste ein Gespräch gewesen sein. Punkt.

„Du kannst diese Irren hier nicht einfach rein lassen, wenn ich gerade schlafe! Du wirst alt, meine Liebe“, tadelte der Patient seine Frau, während Martin in den Hausflur trat.

Mit einem kräftigen Stoß wurde hinter ihm die Tür zugeschlagen. Das neue Herz leistete beeindruckende Arbeit.

Martin stieg wieder in die Drohne. Er studierte noch einige Momente lang die Körperwerte des Mannes, dann brach er die Datenverbindung ab. Auftrag ausgeführt. Er flog wieder los. Irgendwo da unten in der Stadt warteten zwei Menschen ungeduldig auf eine neue Leber. Martin dachte Jonas an: „Komischer Kauz, dem ich da eben das Leben gerettet habe.“

 

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Autor: Gideon Böss ist Schriftsteller und Kolumnist und lebt in Berlin. In diesem Herbst ist sein Roman „Die Nachhaltigen“ bei Eichborn erschienen.

Illustration: Annelie Lamers ist eine junge, freie Illustratorin und Kommunikationsdesignerin aus Hamburg.

 

 

Redaktion

Die univativ Redaktion gewährt Einblicke hinter die Kulissen von univativ-Mitarbeitern, Studenten, Absolventen und Unternehmen. Das Redaktionsteam freut sich immer über Neuigkeiten, Anregungen, Lob und Kritik.

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