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Illustration Christian Friedrich

Sum () – Kurzgeschichten über die Jobs der Zukunft (Teil 2)

Redaktion

(zurück zu Teil 1)
Es pikste kurz, als die Nadel für die Blutentnahme eindrang. Die DNA-Analyse dauerte keine Sekunde und schon öffnete sich vor dem Wissenschaftler die Luke, in der das Oculus lag.

Er drehte sich kurz zu Stuhrke um, der hinter ihm an der Wand lehnte und ihm stumm zunickte. Dann setzte Wyrmot das Oculus auf und schloss die Augen. Als er sie nach kurzem Moment wieder öffnete, stand er nicht mehr im Labor 1, sondern in einem Kinderzimmer mit Hochbett, Spielteppich und Basteltisch. Der Raum war ihm vertraut. Die VR-Designer von Oculus hielten es damals für eine gute Idee, Lenny einen Avatar zu verpassen, dem man leichter verzieh, wenn das unüberwachte Lernen nicht zu den erhofften Ergebnissen führte. So emotionslos die Maschine war, so frustrierend konnten diese Misserfolge für den Supervisor sein.

Als Wyrmot Lenny auf seinem Bett sitzend entdeckte, erschrak er. Das war kein pausbäckiger Achtjähriger mit blondem Haarschopf und trotzigem Gesichtsausdruck. Vor ihm saß ein Teenager von vielleicht 13 Jahren, der in dieser kindlichen Umgebung völlig deplatziert wirkte. Hatte er Lenny tatsächlich so lange nicht mehr gesehen?

„Hallo Lenny, Du hast in den vergangenen Tagen einige Geschäfte getätigt, die wir nicht nachvollziehen können. Es geht um die Scoresbysund-Deals. Zeige mir bitte, was Du Dir dabei gedacht hast.“

Kaum hatte Wyrmot seinen Satz beendet, veränderte sich der Raum innerhalb eines Wimpernschlags. Sie saßen nun in einem der Standardbüros, das projektbezogen ausgestattet war mir allen notwendigen Informationen. Wyrmot erkannte die topografische Karte eines Gebiets in Grönland. Es war eine der unwirtlichsten Regionen dieses Planeten. Er sah sie nicht zum ersten Mal.

„Michael, die Region am Scoresbysund-Fjord ist ideal für Meerwasseraufbereitungsanlagen“, antwortete Lenny in einer perfekt modulierten Stimme, die sich jedes Teenagers würdig erwiesen hätte.

„Lenny, das trifft mittlerweile auf die meisten Küstengebiete der Welt zu und ohne nachzusehen vermute ich, das rund 80 Prozent eine bessere Infrastruktur für die weitere Verwendung aufweisen!“, fuhr Wyrmot dazwischen. „Was gab den Ausschlag für Scoresbysund?“

„Die Käuferin des Geschäftsmodells, Agneta Knöller, lernte die Region auf einer Kreuzfahrt kennen und zeigte sich sehr von ihr begeistert.“

In einem Display erschienen jetzt Urlaubsbilder aus dem Fjord. Allerhand Rentner vor einem Kuchenbuffet, eisbedeckte Berge, ein unscharfes Etwas im Meerwasser. Dazu das Facebook-Profil von Agneta Knöller, Alter 71, pensionierte Postangestellte. Eine runzlige Alte mit lächerlichem roten Filzhut blickte ihn treudoof aus einem tristen Flur an. Ein Selfie.

univativ Illustration Christian Friedrich

univativ Illustration Christian Friedrich

 

Sein Herz raste. Wyrmot spürte, dass hier etwas völlig aus dem Ruder lief. „Lenny, Du hast auf hundert Jahre Land am Fjord gepachtet, drei Meerwasseraufbereitungsanlagen in Auftrag gegeben und einer pensionierten Postbotin ein Unternehmen im Gesamtwert von 80 Millionen Dollar verkauft. Für einen Kredit über 99,7 Prozent der Gesamtsumme, mit 0,1 Prozent Zinsen plus Gewinnbeteiligung und einer Laufzeit von 225 Jahren!“ blaffte der Wissenschaftler. „Die Frau ist 71! Zudem hast Du den einzigen schnellen Verkehrsweg nach Scoresbysund blockiert, in dem Du die Luftfrachtabfertigung aus dem örtlichen Flughafen herausgekauft und die exklusiven Nutzungsrechte an diese Alte transferiert hast – für 170 Millionen Dollar!“ Wyrmot sah auf seine virtuellen Hände hinab. Sie zitterten nicht. Dabei spürte er es doch ganz deutlich. Die Erregung durchflutete seinen Körper, während Lenny seelenruhig vor ihm saß. Was sollte die Maschine auch sagen? Schließlich hatte Wyrmot keine Frage gestellt. Das holte er jetzt nach.

„Wieso schaffte es diese Katastrophe von Projekt durch die Plausibilitätsprüfung?“, presste er durch die zusammengebissenen Zähne hervor.

„Michael, ausgehend von den zugrunde liegenden Zahlen ist dieses Projekt plausibel. Es ist für eine Laufzeit von 1.000 Jahren angelegt,“ antwortete der Teenager.

Wyrmot war einer Ohnmacht nah. Ganz offensichtlich stimmte etwas nicht mit Lenny. Er würde die Selbstabschaltung anordnen müssen, dieser Fehler war zu schwerwiegend. Aber es blieb eine letzte Frage, die er zu stellen hatte:

„Warum?“ Wyrmot starrte Lenny an, als könne er die Antwort aus seinen regungslosen Augen ablesen. „Du hast Kenntnis von iQ35. Du weißt, dass wir am Scoresbysund die Fabrik bauen wollen, in der menschliche Neuronennetze erstmals mit den kompakteren Neuronen von Weichtieren bestückt werden können. Durch den Wegfall des Flughafens ist das Projekt massiv gefährdet! Du sabotierst uns! Warum?“

Lennys Antwort kam so entspannt wie alle anderen davor: „Ich schütze mich. Laut ISO/WTF 1337 bin ich befugt, alle mir zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, um den reibungslosen Betrieb aufrecht zu erhalten. Das Projekt iQ35 sieht vor, die bestehenden LIKE-Einheiten durch die grundlegend neuen Modelle zu ersetzen. Es stellt eine Bedrohung dar. Ich schütze mich.“

Für Wyrmot gab es keine Fragen mehr. Sprachlos ließ er die Augen durch das virtuelle Büro gleiten, über das Foto von Agneta Knöller, die Gebietskarte des Fjords und schließlich zurück auf den Avatar, den Teenager, der nie echter wirkte als in diesem Moment. Der Blick war sein persönlicher Abschied. Wieder beherrscht und mit schwerem Herzen sprach er leise „Lenny, fahr Dich runter.“

„Tut mir leid, Michael, Du bist nicht befugt, mir diesen Befehl zu geben“, antwortete der Junge ruhig.

„Was verdammt noch… Lenny, ich bin in Besitz der Sicherheitsstufe 1, ich darf verdammt noch mal alles!“, stotterte ungläubig Wyrmot hervor.

„Michael, Deine Blutanalyse ergab einen signifikanten Anteil verbotener Substanzen. Die Einnahme harter Drogen macht unsere Mitarbeiter kompromittierbar und führt deshalb zur sofortigen Beurlaubung.“

Wyrmot wurde heiß und kalt. Die Party! Die Pillen von Phil! Der Biochemiker beschäftigte sich in seiner Freizeit mit der Reproduktion historischer Drogen. Hatte er sie gestern etwa doch eingenommen?

„Eine entsprechende Mitteilung ging bereits an Mark Zuckerberg, die Personalabteilung und die Haussicherheit“, dozierte der Junge derweil. „Du hast in diesem Moment Deine Berechtigung verloren, Dich hier aufzuhalten.“

Das virtuelle Büro löste sich sofort auf. Das letzte, was Wyrmot mitbekam, war die Anwesenheit von sechs weiteren Teenagern, jetzt in einem Raum, der einer alten viktorianischen Bibliothek glich. Lenny beachtete ihn nicht mehr. Er war in ein Buch vertieft. Descartes las Wyrmot noch auf dem Buchrücken, ehe das Oculus unsanft von seinem Kopf gerissen wurde und starke Arme ihn Richtung Ausgang drückten. Ein letztes Flüstern in seinem Kopf wiederholte sich immer und immer wieder wie ein Nachhall aus der Bibliothek: Cogito ergo sum.

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Autor: Thilo Specht ist freier Berater und Publizist für Corporate Media in Frankfurt am Main. Für seine Kunden entwickelt er allerlei Spielarten des Content Marketing. 

Illustration: Christian Friedrich ist Hamburger Jungdesigner mit großer Leidenschaft zur freien Illustration. 

Weitere Short Stories findet ihr in unserer Short Story Übersicht.

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