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Illustration: Nadine Wehking

Unter Druck – Kurzgeschichten über die Jobs der Zukunft

Redaktion

Als die Frau den Laden betrat, stach sie Steve sofort ins Auge. Ihr makelloser Körper war in ein halbtransparentes weißes Kleid mit provokanten Aussparungen gehüllt, durch die man raffinierte Tätowierungen erkennen konnte, die sich an ihrem Hals hinauf schlängelten und in ihren kurzen roten Haaren verschwanden. Steve hatte schon mehrere Male ähnliche Kleider gedruckt, doch an keiner seiner Kundinnen hatten sie je so fantastisch ausgesehen. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren, während er den Druckauftrag einer älteren Dame bearbeitete, die als Weihnachtsgeschenk für ihre Enkelin ein paar Customized Sneakers mit Motiven aus irgendeiner dieser neuen indischen Animationsserien drucken lassen wollte. Steve fand die Designs grässlich, aber eine zahlende Kundin ist eine zahlende Kundin.

Bei der nächsten Gelegenheit schnappte er sich seinen neuen Praktikanten Oli, der gerade einem jungen Mann ein Ersatzteil für seinen Elektroroller ausgehändigt und anschließend sofort sein Mini-Tablet gezückt hatte. Oli war ein schlaksiger Neunzehnjähriger mit einem fusseligen Ziegenbart, der sich im Print-Store seit seinem Schulabschluss ein paar Euro dazuverdiente. Er war ein grundsolider Mitarbeiter, der bereits nach wenigen Wochen die meisten der Druckmaschinen ohne Probleme handhaben konnte, aber man merkte ihm an, dass er nicht wirklich mit Herzblut bei der Sache war. Für ihn war der Print-Store nur ein Sommerjob. Nicht so für Steve. Steve war ein Mann mit Visionen. Auch er wollte nicht den Rest seines Lebens in diesem mickrigen Ladengeschäft verbringen, aber das Geschäft war ja auch nur der erste Schritt auf seinem Weg zum Erfolg. Und mit 27 schon seinen eigenen Print-Store zu managen war ja auch keine kleine Errungenschaft! Aber das war jetzt gerade eigentlich gar nicht so wichtig. Jetzt gerade war da ja diese Frau. In dem Kleid. Mit den roten Haaren.

Steve wies Oli an, sich um die alte Dame mit den Sneakers zu kümmern, und machte sich auf den Weg zur Empfangstheke. Er fuhr sich mit den Fingern durchs dunkle, strähnige Haar und zupfte sein Jackett und Hemd zurecht. Hatte er heute morgen Deo benutzt? Die Zähne geputzt? „Herzlich willkommen im 3D-Print-Center ADDITOPRINT! Steve Yilmaz mein Name – wie kann ich Ihnen helfen?“ Eine uninteressantere Begrüßung war ihm wohl nicht eingefallen. Die Frau wirkte gelangweilt. „Angenehm. Natalie Zink.“ Teilnahmslos musterte sie zuerst Steve und dann den Rest des geschäftigen Print-Stores. „Kann ich bei Ihnen einen neuen Kamerablock für mein Tablet drucken lassen?“ – „Haben Sie das Design bereits gekauft?“ – „Ja.“ – „Dann müssen Sie lediglich auf Ihrem Device das File in Richtung der Druckmaschine swipen. Das wäre die B28-A hier.“ Er klopfte auf die große, zylinderförmige Druckmaschine. Natalie – in Steves Gedanken waren sie bereits per Du – tat wie geheißen, woraufhin das Display der Maschine einen eingehenden Dateitransfer anzeigte. „Danke! Dann muss ich jetzt nur noch die Druckdaten prüfen, …“ Steve betätigte einige Schaltflächen auf dem Touch-Display. „…und die Materialien freigeben.“ Er blickte auf. „So, das war’s dann auch schon. In circa zehn Minuten ist Ihr Kamerablock fertig.“

Natalie setzte sich auf einen der bereitstehenden Stühle und beschäftigte sich mit ihrem Tablet. Nach einigen Momenten des Zögerns stellte Steve sich neben sie und fragte, so beiläufig wie möglich: „Gefällt Ihnen der Stuhl?“ – „Reden Sie mit mir?“ – „Den habe ich selber designt und geprintet. So wie fast alles hier. Sogar das Gebäude ist geprintet! Das allerdings nicht von mir…“ – „Aha.“ Sie wirkte unbeeindruckt. „Wobei meine interessanteren Arbeiten freilich nicht einfach hier herumstehen. Seit der Einführung des Amtes zur Kontrolle additiver Produktionsmethoden muss man ja aufpassen, was man so macht mit den 3D-Druckern. Aber ich bin jemand, der hoch hinaus will – und wenn man immer den Regeln folgt, kommt man nicht weit.“ Natalie blickte auf. Hatte er es geschafft, ihr Interesse zu wecken? Jetzt bloß nichts Falsches sagen! „Wenn man wirklich bahnbrechendes Zeug printen will, sind die ganzen Maschinen, die hier rumstehen, quasi nutzlos. Die zugelassenen Designs sind nur sehr oberflächlich customizable. Und für jeden Prototypen extra eine Zulassung zu kriegen, kannst du vergessen, wenn du nicht in der offiziellen R&D-Abteilung eines Großkonzerns sitzt.“ – „Aber Sie haben doch sicher eine Lösung dafür?“ – „Möglicherweise.“ – „Ich höre?“ Sie sah Steve nun direkt in die Augen. Jetzt bloß nicht ihre Aufmerksamkeit verlieren! „Nun, der Zulassungsschutz moderner Druckmaschinen ist quasi unknackbar. Also habe ich mir gedacht, warum nicht einfach eine alte Maschine mit neuer Technik aufrüsten? Bei den Geräten aus der „Wild West“-Zeit der 3D-Print-Technik gab’s quasi keine Kontrollmechanismen. Naja, und so ein Ding habe ich jetzt hinten im Lager stehen.“ – „Okay, das ist tatsächlich interessant!“ – „Aber nicht weitersagen!“ – „Meine Lippen sind versiegelt.“ Sie lächelte. Steve schwebte auf Wolke sieben. Was sollte er als nächstes tun? Nach ihrer Mail-Adresse fragen? Oder sie lieber gleich auf einen Kaffee einladen?

In dem Moment hörte die Druckmaschine auf zu summen und gab drei langgezogene Pieptöne von sich. „Das wird dann wohl meine Kamera sein?“, sagte Natalie, als sie aufstand. „Äh, ja genau.“ Steve reichte ihr den rechteckigen Block. Sie nahm ihn entgegen und zückte ihr Tablet. Während sie direkt ihre alte Tablet-Kamera gegen das neue Teil austauschte, winkte sie in Richtung des Eingangs. „Ah, da ist ja schon mein Freund!“ Neben der Empfangstheke stand ein großer, muskulöser Mann in weißer Sportkleidung mit dunkler Haut und Sonnenbrille. Seine nackten Arme waren mit weißen Tätowierungen überzogen, die Natalies Tattoos stilistisch ähnelten. Sie lief zu ihm und küsste ihn leidenschaftlich. „Zahlst du für mich, Schatz? Ich gehe schon einmal zum Auto.“ In der Tür drehte sie sich noch einmal um. „War nett, mit Ihnen zu reden, …Steve!“

Niedergeschlagen verbuchte Steve die Zahlung, die Natalies Freund von seinem Mini-Tablet sendete, und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Wie jeden Abend schloss Steve den Laden pünktlich um 21 Uhr. Bis auf Oli, der hinter der Empfangstheke saß und mit schnurlosen Kopfhörern in den Ohren wie hypnotisiert auf sein Tablet starrte, waren bereits alle Mitarbeiter nach Hause gegangen, als Steve gerade die letzte der Druckmaschinen herunterfuhr. Da klopfte es an der gläsernen Eingangstür. Steve staunte nicht schlecht, als er sah, wer vor der Tür stand: Natalie! Ihr Kleid hatte sie gegen eine Art schwarzen Catsuit getauscht und sie sah noch umwerfender aus als zuvor, wenn das möglich war. Bevor Steve darüber nachdenken konnte, was sie hier wollte, hatte er bereits die Tür geöffnet. „Haben Sie vorhin etwas vergessen?“ Sie ignorierte seine Frage und betrat kommentarlos den Laden. Bevor Steve die Tür wieder schließen konnte, war auch ihr Freund eingetreten. Wo hatte der sich denn versteckt? Der Freund setzte sich auf die Empfangstheke. Auch er war jetzt schwarz gekleidet und trug eine Sporttasche über der Schulter.

„Vergessen habe ich nichts, Stevie. Aber wir haben ein Jobangebot, das dich interessieren könnte.“ Steve war verwirrt. „Ach so? Ja, äh… gut! Dann kommen Sie doch am besten morgen während unserer regulären Geschäftszeiten zurück.“ Natalie trat näher an ihn heran und legte eine Hand sanft in Steves Nacken. Er begann zu schwitzen. „Das ist nicht die Sorte Job für reguläre Geschäftszeiten, Stevie. Aber es ist ein Job für jemanden mit bahnbrechenden Ideen.“ – „Oh. Okay…?“

„Folgendes: Wir sind… nennen wir es eine politische Gruppe. Und für eine Aktion, die wir planen, fehlt uns noch ein wesentliches Zubehör: ein Präzisions-Scharfschützen-Gewehr. Und zwar eines, das nicht von Metalldetektoren erkannt werden kann. So etwas kriegst du doch bestimmt hin, oder?“ Jetzt wurde Steve erst richtig nervös. Hatte er das richtig verstanden? Die beiden waren… Terroristen?! Er wollte es nicht so recht wahrhaben. „Aber… aber würde das nicht gegen das Gesetz gegen die Herstellung und den Besitz nicht nachweisbarer Schusswaffen verstoßen?“ Natalie lachte. „Das wird nicht das einzige Gesetz sein, das wir brechen. Wie du schon sagtest: Wenn man immer den Regeln folgt, kommt man nicht weit. Und ich glaube, dass dir unser Anliegen gar nicht mal so fern liegt. Auch wir sind für weniger staatliche Kontrolle, gegen die Unterdrückung individueller Freiheiten und gegen die Tyrannei der internationalen Großkonzerne.“

Unbewusst war Steve längst klar, dass es nicht klappen würde, aber er machte sich immer noch Hoffnungen, dass die beiden sich einfach abzuwimmeln lassen würden. „Tut mir Leid, so etwas kann ich nicht machen. Nicht nur, weil es höchst illegal wäre, sondern auch, weil meine Maschine so etwas überhaupt nicht hinkriegt. Zumindest nicht ohne detaillierte Druckmuster-Dateien.“ – „Wenn es nur das ist…“ Natalie zeigte ihm ihr Tablet, auf dessen Display Dateien mit Namen wie „sniper_rifle_body“, „sniper_rifle_sight“ und „bullet_51mm_undetectable“ aufgelistet waren. Steves Hemd war mittlerweile vom Schweiß komplett durchnässt. Sein Hals war trocken und das Sprechen bereitete ihm Mühe. „Ah, ja gut, aber… aber…“

„Kein aber.“ Zum ersten Mal hatte sich Natalies hünenhafter Freund zu Wort gemeldet. „Du machst uns das jetzt, basta. Und wenn du’s nicht hinkriegst oder sonst irgendwie Schwierigkeiten machst, muss dein Freund hier dran glauben.“ Oli war so in das Game auf seinem Tablet vertieft gewesen, dass er bisher von der ganzen Sache nichts mitgekriegt hatte.

Illustration Waffe am Kopf Nadine Wehking

„Du machst das jetzt, basta!“

Den Lauf der Pistole an seiner Schläfe konnte er jedoch schlecht ignorieren. Es war ein krudes Modell aus rotem Plastik, offensichtlich mit einem alten Home-Printer gedruckt. Aber das machte es nicht weniger tödlich. Oli war verwirrt. „Äh… was ist denn hier los?“

Steve musste hart schlucken. Wenn sie nur ihn bedroht hätten, hätte er sich vielleicht weiter geweigert (das redete er sich zumindest ein), aber dass sie Oli töteten, konnte er nicht verantworten. Nicht, dass Oli ihm besonders viel bedeuten würde, aber so viel Mitgefühl und Gewissen hatte Steve dann doch. Außerdem konnte er kein Blut sehen. Vielleicht könnte er die Sache ja irgendwie hinauszögern? Dem Terror-Pärchen ein nutzloses Gewehr andrehen? Wie dem auch sei, fürs Erste blieb ihm keine andere Wahl als zu kooperieren.

Er führte die Gruppe durch die Mitarbeiterküche in den geräumigen Lagerraum. Natalies Freund zerrte Oli am Kragen neben sich her, den Lauf der Pistole weiterhin gegen dessen Kopf gedrückt.

Im Lager standen einige Maschinen, die auf Wartung oder Reparatur warteten, und etliche Kanister mit Rohstoffen für den Druck. In der hintersten Ecke der Raumes stand ein unförmiges, von einer Plane bedecktes Objekt. Steve lüftete die Abdeckplane und enthüllte die Druckmaschine – eine monströse Konstruktion, zusammengestückelt aus Teilen uralter Kunststoff-Printer und einigen Stücken modernster Technologie. „Hierfür muss ich Ihr Device mit einem Kabel anschließen. Hat Ihr Tablet einen USB-7-Anschluss?“ – „Einen was?“ Natalie reichte ihm das Gerät. „Japp, hier ist er. Glück gehabt! Viele neue Devices haben überhaupt keine physischen Anschlüsse mehr.“

Steve verkabelte das Tablet, lud die Daten in die Maschine und fing an, die Materialien für das erste Bestandteil des Gewehrs zu konfigurieren. Er gab den Druck in Auftrag und die Maschine begann zu summen. Durch eine transparente Scheibe konnte man beobachten, wie ein Druckkopf den Kunststoff Schicht für Schicht auftrug.

„Das dauert jetzt ein paar Minuten, dann kann ich die Daten für das nächste Teil einspeisen. Und wenn alle Teile fertig sind, gehen wir einfach alle nach Hause und vergessen die Sache. Okay?“ Keiner der anderen sagte ein Wort. „Okay?“, wiederholte Steve, jetzt mit einem panischen Zittern in seiner Stimme. Langsam dämmerte es ihm, dass Mr. und Mrs. Terrorist nicht wirklich die Absicht hatten, Oli und ihn nach getaner Arbeit unversehrt davonkommen zu lassen. Was konnte er tun? Nur ein Wunder würde sie jetzt noch retten.

In diesem Moment erschütterte ein ohrenbetäubender Knall den Lagerraum. Die stählerne Hintertür flog aus ihren Angeln und schlitterte scheppernd über den Betonboden. Durch die Öffnung quoll Rauch, in dem sich bald die Silhouetten bewaffneter und gepanzerter GSG9-Spezialeinheiten abzeichneten, die in den Raum stürmten. „Waffen fallen lassen! Auf den Boden legen und Hände hinter dem Kopf verschränken!“, ertönte es von irgendwoher. Ohne lang nachzudenken, ließ sich Steve zu Boden fallen und tat wie befohlen. Mit Erleichterung sah er aus dem Augenwinkel, dass Natalies Freund offenbar vor lauter Überraschung tatsächlich seine Waffe fallen gelassen hatte und Oli und Steve somit in Sicherheit waren.

„Ich weiß ja nicht, wer Sie gerufen hat, aber Sie sind gerade rechtzeitig…“, fing Steve an, als er spürte, wie sich einer der Polizisten auf seinen Rücken kniete und ihm Handschellen anlegte. „Was…?“ – „Steve Yilmaz?“ – „Ja…?“ – „Sie sind festgenommen wegen Verdachts auf Missbrauch geistigen Eigentums der Firma Chander-Singh Entertainment International.“ Missbrauch geistigen Eigentums? Steve drehte seinen Kopf zur Seite und entdeckte zwischen zwei Polizisten und einem Mann in Anzug und Trenchcoat, der ein Megafon in der Hand hielt, eine bekannte Gestalt: die alte Dame mit den Sneakers! Tatsächlich sah er nun auch die besagten Sneakers in den Händen eines der Polizisten. Die Sneakers mit den indischen Animationsserien-Figuren. Chander-Singh Entertainment… Natürlich! Die Dame hatte sich wohl unlizenzierte Druckdaten für die Motive andrehen lassen, die es irgendwie durch den Customization-Schutz der Druckmaschine geschafft hatten. Und Steve war zu sehr von Natalie abgelenkt gewesen, um die Daten genau zu prüfen. Steve musste lachen. „Was gibt’s denn da zu lachen?“, fragte der Polizeibeamte, als er Steve auf die Beine half. „Verletzungen des internationalen Copyrights sind kein Witz! Ihnen stehen unter Umständen mehrere Jahre Gefängnis bevor!“ Doch Steve hörte ihn gar nicht. Steve lachte nur. Und lachte und lachte.

Das war der letzte Teil unserer Job Fiction Serie. Hinterlasst doch einen Kommentar, wie euch die Stories gefallen haben – wir sind gespannt!

Autor: Adrian vom Baur arbeitet als freischaffender Illustrator, Comiczeichner und Autor in Berlin. Er schrieb und zeichnete den Webcomic „Hipster“, der 2014 als Buch beim Zwerchfell Verlag veröffentlicht wurde, und ist Herausgeber der preisgekrönten Independent-Comic-Anthologie „JAZAM!“.

Illustration: Nadine Wehking ist eine aus Hamburg stammende freie Illustratorin und Kommunikationsdesignerin.

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Die univativ Redaktion gewährt Einblicke hinter die Kulissen von univativ-Mitarbeitern, Studenten, Absolventen und Unternehmen. Das Redaktionsteam freut sich immer über Neuigkeiten, Anregungen, Lob und Kritik.

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